Die Heyden-Arbeit. Der Baumeister Christian Heyden und die Gütersloher Mitte

Künstler erfahren die bedeutendsten Auszeichnungen oft erst nach ihrem Tod. Das ist nicht ungewöhnlich. Dass aber eine Stadt einen Architekten ehrt, nachdem die Hälfte von dessen dort errichteten Gebäuden schon wieder aus dem Stadtbild verschwunden sind, kommt nicht alle Tage vor. Christian Heyden wurde diese Ehre im Jahr 2003 zuteil, als die Stadt den Weg hinter der Martin-Luther-Kirche zu seinem 200. Geburtstag nach ihm benannte.

Eine bessere Stelle hätte sich nicht finden können, hat doch Christian Heyden von 1857 bis 1861 die Kirche gebaut. Damals hieß sie noch „Neue Kirche“, später „Auferstehungskirche“, seit 1933 Martin-Luther-Kirche. Das Bauwerk ist eines von zwei verbliebenen Zeugnissen des architektonischen Schaffens des Christian Heyden aus Freckhausen. Das andere ist die Avenstrothsche Mühle nahe dem Parkbad. Mit ihr begann Heydens Geschichte in Gütersloh.

HeydenAusstellungWie er hierher kam, weiß selbst Ullrich Felchner vom Förderverein Historische Kirchen nicht genau. Zu rar sind die Informationen. „Aber ich habe eine Theorie: Heydens Bruder entwarf Gebäude für die Eisenbahn und war hier tätig, als Gütersloh an die Minden-Ravensbergsche Eisenbahn angeschlossen wurde. So kam Heyden vermutlich nach Gütersloh“, erklärt Felchner, der sich intensiv mit Heyden beschäftigt hat.

Wilhelm Niemöller, für den Heyden die Avenstrothsche Mühle entworfen hatte, empfahl ihn dem städtischen Magistrat. Der suchte nämlich Hände ringend einen Architekten für die von Pastor Volkening geforderte Kirche. Was Heyden dann schuf, überzeugte die örtlichen Honoratioren und sie übertrugen ihm auch die Planung des neuen Rathauses. Mit dem setzte sich Heyden sein eigenes Denkmal: „Ihm gelang ein stilprägender Bau, der auf eindrucksvolle Weise das gewachsene Selbstverständnis der jungen Stadt und ihrer Bürgerschaft ausdrückte“, lobt Ullrich Felchner. Doch die Stadt zerlegte 1971 – nur 107 Jahre später – Heydens Denkmal beim Abriss in seine Einzelteile. „Diesen Schaden können wir nicht wieder gut machen“, bedauerte der stellvertretende Bürgermeister Gerd Piepenbrock bei der Enthüllung der Namensschilder am Weg hinter der Kirche.

Das vierte von Heyden in Gütersloh gebaute Gebäude war das alte evangelische Krankenhaus an der Stelle des heutigen Hermann-Geibel-Hauses. Doch Heyden geriet in Vergessenheit: 1971 in der Debatte um den Abriss des Rathauses fiel nicht einmal sein Name. „Erst der Heimatverein hat 1998 einen Antrag bei der Stadt gestellt, den Weg nach Heyden zu benennen“, erklärte die Vorsitzende des Heimatvereins, Renate Horsmann. Parallel zum Heimatverein richtete Ullrich Felchner das gleiche Ansinnen an die Stadt.

Der 200. Tauftag Heydens erschien jetzt als passender Anlass. Drei Schilder zeigen den Namen des Weges von der Kirch- zur Kökerstraße. „Es fehlt noch ein Hinweisschild darunter, wer Heyden war. Das bringen wir noch an“, betonte Ullrich Felchner. „Schließlich sollen auch Fremde wissen, wer das war“, ergänzte Gerd Piepenbrock. Nicht nur die, denn auch den meisten Güterslohern muss das wohl erst noch bewusst werden. Dazu beitragen sollte die Ausstellung über den Architekten mit dem Titel „Die Heyden-Arbeit“ im Stadtmuseum.

Ein Schöpfer ohne Gesicht

Das Geburtsdatum von Christian Heyden lässt sich nicht mehr ermitteln und wie er aussah wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Es gibt weder ein Porträtgemälde noch ein Foto. So viel ist bekannt: Sein Tauftag war der 14. August 1803. Der Sohn eines Baumeisters stammte aus Freckhausen/Arnsberg. Heyden war Schüler und Schwiegersohn des bekannten Düsseldorfer Baumeisters von Vagedes und legte eine Prüfung zum Privatbaumeister ab. Die berechtigte ihn öffentliche Gebäude zu errichten. Er begann seine Karriere allerdings in den 1830er-Jahren mit gewerblichen Bauten wie einer Tischfabrik oder einem Fabrikgebäude für eine Spinnerei und Weberei in der Gegend um Wuppertal. 1852 entwarf er seine erste Kirche in Haßlingenhausen. Es folgte seine Zeit in Gütersloh. Parallel zur Arbeit in der Stadt an der Dalke plante Heyden weitere Kirchenbauten in anderen Gemeinden unter anderem in Königswinter und Dortmund.

Heyden plante und baute in Gütersloh vor allem die Avenstroth’sche Mühle, die Martin-Luther- Kirche, das alte Rathaus, das alte evangelische Krankenhaus und das Gesellschaftshaus „Erholung“ . Mit diesen Bauten setzte er im Zusammenwirken mit einem aufgeschlossenen Magistrat, einer wagemutigen Kirchenleitung und großzügigen Sponsoren in unserer damals aufstrebenden Kleinstadt jene städtebaulichen Akzente, die für eine positive Entwicklung den architektonischen Rahmen bildeten. Er ist derjenige, der im 19. Jahrhundert der Gütersloher Mitte ein städtisches Gepräge verlieh.

Im Zusammenhang mit der seit einiger Zeit festzustellenden Neubewertung der Architektur des Historismus sollte die Heyden-Arbeit anhand von baulichen Relikten, zeitgenössischem Schriftverkehr, Originalplänen und Fotos an einen Architekten erinnern, dessen Einfallsreichtum, sicheres Stilempfinden und unermüdlicher Einsatz der Gütersloher Mitte zu Bauten verhalf, die in Fachkreisen zurecht als bemerkenswert beurteilt werden. Vor allem Heydens Entwürfe für die Martin-Luther-Kirche aus dem Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster zeigen eindrucksvoll, mit welcher Präzision und Kreativität er planerisch ans Werk ging.

Die Heyden-Arbeit wird aber nicht nur getragen von soliden Mauern und standfesten Säulen, sondern auch von einem im Gütersloh jener Zeit besonders ausgeprägten christlich-protestantischen Ethos und – damit einhergehend – einem hohen Maß an Fortschrittsoptimismus. Wie der preußische Oberbaurat Friedrich August Stüler in Berlin, so waren alle Beteiligten vor Ort von der Überzeugung durchdrungen, dass die Heyden-Arbeit „der Gemeinde zur Ehre und Freude, der Stadt aber zur Zierde gereicht“.

Die Ausstellung war das Ergebnis einer Kooperation zwischen dem Heimatverein Gütersloh als Träger des Stadtmuseums, dem Förderverein historische Kirchen im Stadtzentrum Gütersloh und dem Stadtarchiv Gütersloh.

Vom 7. September bis zum 20. November 2003