Heut‘ laden wir uns Gäste ein. Kulturgeschichte der privaten Feiern nach 1945

Wen lade ich ein? Was biete ich zu essen und zu trinken an? Und welche Musik passt am besten? Die Fragen, die sich ein Gastgeber vor einer mehr oder weniger spontanen Party stellt, sind immer wieder die gleichen. Doch die Antworten haben sich in den letzten Jahrzehnten Jahren sehr verändert.

Das zeigte die Wanderausstellung „Heut’ laden wir uns Gäste ein“ 2007, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in acht westfälischen Museen präsentierte, mit 200 Exponaten von der Einladungskarte über Ratgeberliteratur und Partygeschirr bis hin zur Hausbar aus den 1950er Jahren.

Jetzt geht die Party richtig los

Zweite Station der Ausstellung war das Stadtmuseum Gütersloh. Über ein Jahr lang hatte LWL-Ausstellungsmacherin Anke Wielebski Suchaufrufe gestartet, in Partykellern gestöbert, Bowle-Schalen begutachtet, Einladungskarten studiert und Interviews geführt. Dabei hatten ihr viele Menschen in ganz Westfalen geholfen und ihr nicht nur viele Ausstellungsstücke zur Verfügung gestellt, sondern ihr auch Fotoalben gezeigt und viele Party-Geschichten erzählt.

party3So hatte Wielebski herausgefunden, was in welcher Form zubereitet auf Partys gegessen und getrunken wurde, wie die Westfalen gefeiert haben und dass sie gar nicht immer zum Lachen in den (Party-)Keller gegangen sind. Ergebnis ihrer Arbeit war eine Ausstellung, die „einen intimen Blick durchs Schlüsselloch auf ganz individuelle Lebengeschichten erlaubt und schlaglichtartig die Geschichte des privaten Feierns in Westfalen erhellt“, so die Ausstellungsmacherin.

Die Ausstellung startete inhaltlich in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre und endete in der Gegenwart. Nach einem kurzen Einblick in die Lebensumstände der unmittelbaren Nachkriegszeit galt für die frühen 1950er Jahre: „Man benimmt sich wieder.“ Eine Fülle von Ratgebern zeugte von dieser weit verbreiteten Einstellung. Dabei weies beispielsweise 1954 ein Ratgeber der jugendlichen Gastgeberin klar ihre Rolle zu: „…jeden einzelnen deiner Gäste glücklich zu machen, und zwar den ganzen Menschen, nicht nur den Magen mit der bewussten Torte, nicht nur das Herz mit vielen guten Worten, nicht nur den Geist mit brillanter Unterhaltung, sondern alles miteinander.“

Mit oder ohne Eltern?

party4Während nur zwei Jahre später ein weiteres Buch rät, der Mutter eine Kinokarte zu schenken, „als Dank für die Hilfe, aber gleichzeitig auch als freundschaftlicher Stups, weil man alleine feiern möchte“, sagt ein peppig aufgemachtes Buch 1979 überraschenderweise, man könne von den Eltern nicht verlangen, dass „sie ins Kino gehen, wenn die Party steigt. Sie sollen zwar nicht die ganze Zeit mitfeiern, aber als gute Geister im Hintergrund können sie dir helfen, mit unvorhergesehen Situationen fertig zu werden“. „Hier schlagen sich wohl Erfahrungen mit aus dem Ruder gelaufenen Party der 1970 Jahre nieder“, vermutet Wielebski.

In den 1950er Jahren ging es nicht nur um das Benehmen, auch die wirtschaftlichen Fortschritte wirkten sich auf die Feierkultur aus: „In dieser Zeit kam eine schier unglaubliche Menge von Gebrauchsgegenständen für Partys auf den Markt: Salzstangenhalter, Serviettenhalter, Abbieteschalen, Gläsersets, Cocktailspieße und das Ganze in sehr bunten Formen und Farben“, so Wielebski.

Mit dem steigenden Wohlstand in den 1960er Jahren rückte das Essen immer mehr in den Mittelpunkt der Party. Dabei empfiehlt die zeittypische Kochbuchliteratur den Gastgebern vor allem das kalte Büffet. „Das hat sich bis heute kaum verändert“, hat Wielebski festgestellt. „Es galt zu zeigen was man hat, dazu bediente man sich auch gerne neuer Formen der Bewirtung mit Fondue oder Racelette.

Zum Feiern in den Keller

party1In den 1970er Jahren gingen die Westfalen dann zum Feiern in den Keller: Die kleine Hausbar im Wohnzimmer genügte den Ansprüchen nicht mehr, bei vielen Neubauten der 1960er und 1970er Jahre wurde die Kellerbar gleich mitgeplant. „Die Vorteile liegen auf der Hand: Lärm, Rauch und die Feierreste werden aus dem unmittelbaren Wohnbereich verbannt“, erklärt Wielebski. Diese Entwicklung schlägt sich natürlich in besonderen Einrichtungsgegenständen wie Erdnuss-Spendern und besonderen Tapeten nieder.

„Ein bisschen Spaß muss sein!“ oder „Let’s Party“, tönte es in den 1980er Jahren durch die Partykeller. Jetzt stand die Musik im Vordergrund. Je nach Musikgeschmack animierten Stimmungslieder, Party-Sound oder Feten-Hits zum Mitsingen und -tanzen. Die immer leistungsstärkeren Musikanlagen sorgen dann allerdings auch für die eine oder andere Störung ruheliebender Nachbarn. Das thematisierte die Ausstellung in Form von Anzeigen und Bußgeldbescheiden. Doch bevor die in der Ausstellung gezeigten Anzeigen kommen, gilt es am „Tag danach“ mit dem Kater fertig zu werden. Dazu präsentierte die Ausstellung einige Tricks und Mittelchen und räumte mit einigen Vorurteilen auf. Beispielweise mit dem wirkungslosen „Stützbier“, das besagt, dass man mit dem Getränk weitermachen soll, mit dem man aufgehört hat.

Hausbar, Käseigel und Ordnungsverfügung

Neben einer Fülle an Gebrauchsgeschirr und Partyutensilien zeigte die LWL-Ausstellung Schallplatten, CDs, Kofferplattenspieler, Einrichtungsgegenstände für die Kellerbar und Hilfsmittel für die Zubereitung eines kalten Büffets. Zahlreiche Kochbücher, Ratgeber für die richtige Gestaltung einer Feier und Privatfotos von Feiern ergänzten die Sammlung.

Die Tageszeitung Die Welt berichtete unter der Überschrift „Die dufte Party“ im Stadtmuseum Gütersloh.

Fotos: LWL

Vom 17. Juni bis zum 2. September 2007