Verwischte Spuren. Erinnerung und Gedenken an nationalsozialistisches Unrecht in Westfalen – eine biografische Suche

„An das Rote Kreuz, Genf. Ich bitte Sie hiermit recht höflichst, die Adresse meiner Eltern ausfindig zu machen. Sie waren zuletzt in Zbąszyń an der polnischen Grenze. Das war das letzte, was ich von ihnen hörte.“ Susi Schmerler, eine junge Frau aus Bochum, schrieb diese Zeilen im Herbst 1939. Dieses Schicksal ist eines von 16 Lebensläufen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in der Wanderausstellung „Verwischte Spuren“ vorstellt.

Basierend auf den Sammlungen der westfälischen NS-Gedenkstätten und bürgerschaftlichen Initiativen präsentierte das LWL-Museumsamt in seiner Wanderausstellung Biografien von Männern und Frauen, die an den Orten des Gedenkens erforscht und vermittelt werden. „Diese Biografien sind in der Region und an den Orten von Leiden und Gewalt verankert. Ihre individuellen Schicksale fordern auf nachzufragen und hinzuschauen“, erklärte Ausstellungsmacherin Anna Gomoluch.

In der Ausstellung ging es darum zu zeigen, welche Informationen, Objekte und Hinweise heute noch sichtbar sind.

In Ausstellungsbereich standen „verwischte Spuren“ im Mittelpunkt. Gemeint waren Objekte, die keine eindeutige biografische Zuordnung erlauben, wie etwa ein von einem unbekannten sowjetischen Kriegsgefangenen gebasteltes Strohkästchen oder ein auf dem Gelände eines Gefangenenlagers gefundener Löffel. Der zweite Abschnitt, die „Fundstücke“, verband interessante Objektgeschichten mit biografischen Informationen aus Westfalen. So war die Jacke eines KZ-Häftlings zu sehen, die nach seinem Tod 1994 in seinem Kohlenkeller gefunden wurde – er hatte sie sein Leben lang als Arbeitskleidung genutzt. Und der Einband, der als alleiniger Rest vom Fotoalbum einer jüdischen Familie aus Drensteinfurt übrig geblieben ist, erinnerte an die Auslöschung einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

Im Kapitel „Täter, Mitläufer, Zuschauer“ lag das Augenmerkt auf den denjenigen, die bei Verfolgung und Vernichtung auf der Täterseite standen und in ihren Positionen unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten hatten. Im letzten Abschnitt „Leben mit der Erinnerung“ schließlich widmete sich die Ausstellung Männern und Frauen, die in ihrer Zeitzeugenschaft eine besondere Aufgabe gesehen haben oder bis heute unter den Verbrechen der Nationalsozialisten leiden.

spurenAls Susi Schmerler (Foto 1938: Verein „Erinnern für die Zukunft e.V.“, Bochum) ihren Brief an das Rote Kreuz schrieb, lebte sie bereits in Palästina. Von ihrer Familie hatte sie seit Kriegsbeginn keine Nachricht mehr erhalten. Als Juden ohne deutsche Staatsangehörigkeit waren sie im Oktober 1938 an die polnische Grenze deportiert und dort interniert worden.

Ihre Spur verliert sich im Ghetto von Krakau. Schmerler lebte bis zu ihrem Tod 2001 in Israel. Da ihre Kinder kein Deutsch gelernt haben, überreichte ihr Ehemann die Briefe ihrer Eltern an den Verein „Erinnern für die Zukunft e.V.“ aus Bochum. Erst dadurch ist es gelungen, die Spuren der Familie Schmerler in ihrer Heimatstadt zu verankern.

Die Ausstellung stellte eine Auswahl solcher Biografien vor und zeichnete individuelle Lebenswege nach. Sie zeigte, welche Rolle diese Lebensläufe in der Bildungsarbeit an den NS-Gedenkstätten und an einigen Museen einnehmen. „Wir wollten mit der Ausstellung zur Auseinandersetzung mit einem Thema anregen, das durch das Ende der Zeitzeugenschaft an Aktualität gewinnt“, so Gomoluch.

Zur Ausstellung erschien ein Begleitbuch (10 Euro, ISBN-Nr.: 978-3-927204-74-4).

Hintergrund

Das Gedenken und die Erinnerung an nationalsozialistisches Unrecht wird von den Gedenkstätten und Museen getragen, die in ihrer Arbeit einen Beitrag zur Demokratieerziehung sehen. In ihrem Programm sind Biografien eine wichtige Säule der Vermittlung. In Westfalen bilden weniger prominente Lebensläufe die Grundlage des regionalen Gedenkens. Auf Stolpersteinen, auf Gedenktafeln, aber auch in Straßen- sowie Schulnamen werden sie besonders sichtbar. Sie stehen repräsentativ für die Schicksale vieler, oft Namenloser.

Vom 25. September bis 27. November 2011

Bildergalerie mit 5 Exponaten der Ausstellung: