„Darf’s ein bisschen mehr sein?“ Vom Fleischverzehr und Fleischverzicht

Die Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes Münster führte mitten in die gesellschaftliche Kontroverse um Fleischverzehr und Fleischverzicht, um Massentierhaltung und industrialisierte Transport- und Schlachtverfahren. Gerade im Kreis Gütersloh, der mit Versmold als „Fettfleck der Republik“ und „Wurstküche Westfalens“ bezeichnet wird, ein viel diskutiertes Thema.

Schweineland Westfalen

„Westfälischer Himmel“: Tenne um 1920

„Westfälischer Himmel“: Tenne um 1920

Westfalen ist Schweineland, hier hing früher der „Himmel voller Schinken“: In vielen Rauchabzügen der Kamine sah man das Fleisch zum Räuchern an einem Lattengerüst hängen. Das Verbraucherverhalten hat sich stark verändert: Galt es in den 1970er Jahren als gesund und lebenswichtig Fleisch zu essen („Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“), haben „Gammelfleisch“- und BSE-Skandale den unbeschwerten Fleischkonsum getrübt.

Trotz aller Skandale: Der Fleischkonsum stagniert in Deutschland auf konstant hohem Niveau. Die Fleischindustrie muss sich noch keine Sorgen machen. Doch das Interesse an Ernährungsfragen wächst, und neben der Sorge um die eigene Gesundheit beschäftigt viele Verbraucher die Frage, was ethisch verantwortbares Essen ausmacht – besonders beim Thema Fleisch. Die Ausstellung versucht, die Besucher für ihren Fleischkonsum und dessen Folgen zu sensibilisieren. Die Schau zeigt auch die historische Entwicklung der Nutztierhaltung, die Entwicklung des Metzgerhandwerks und des Fleischverzehrs. Es geht aber auch um ethische, ökologische und gesundheitliche Aspekte des Fleischverzichts.

Lange Tradition

Hauklotz, Hackmesser, Schlachterkoppel, Wetzstahl

Hauklotz, Hackmesser, Schlachterkoppel
mit Köcher für Schlachtmesser und Wetzstahl

Tierhaltung zur Fleischerzeugung hat in Ostwestfalen-Lippe lange Tradition. Die heute anzutreffenden Strukturen unterscheiden sich grundlegend von denen, wie sie noch vor Jahrzehnten üblich waren: Um 1900 waren die landwirtschaftlichen Betriebe klein- und mittelbäuerlich strukturiert und beinhalteten fast alle Nutztierarten. Durch die Industrialisierung und dem Wachstum der Städte kam der Wendepunkt von einer extensiven zu einer intensiven Tierhaltung: Die Betriebe stockten ihre Bestände auf und spezialisierten sich.

Der Kreis Gütersloh nimmt bei der Fleischproduktion eine Sonderstellung ein. Die Ausstellung thematisierte deswegen auch die Entwicklung von der Hausschlachtung zu den modernen Schlacht- und Zerlegungsbetrieben in Ostwestfalen. Der Schlachttag – meist im Herbst – war Höhepunkt des Jahres. Beim Schlachten und anschließenden Wursten und Einkochen des Fleisches halfen alle Familienmitglieder, manchmal auch Freunde, mit. Die Arbeit war aufwändig und anstrengend; Fleisch galt noch als etwas Besonderes. Die Ausstellung zeigte zahlreiche Geräte, die zum Zerlegen der Tiere dienten und mit denen das Fleisch weiterverarbeitet wurde.

Luxusartikel Fleisch

Welche Art Fleisch und wie viel auf den Tisch kam, bestimmte lange Zeit vor allem der gesellschaftliche Stand. Durch den steigenden Wohlstand der Wirtschaftswunderzeit der 1950/60er Jahre kam Fleisch öfter auf den Tisch; der Sonntagsbraten krönte die Woche. Bis in die 1990er Jahre stieg der Gesamtfleischverbrauch in Deutschland an. Bei 85 Prozent aller Verbraucher kommen Fleisch- und Wurstwaren täglich auf den Tisch. Den größten Anteil hat dabei das Schweinefleisch.

Fahne eines vegetarischen Bundes um 1913

Fahne eines vegetarischen Bundes um 1913

Im Schweineschlachten sind wir Europameister. Der Anteil an hochwertigem Fleisch aus der Region ist dabei aber sehr gering. Der größte Teil unsrer Fleisch- und Wurstwaren stammt aus Selbstbedienungsregalen der Supermärkte. Niedrige Preise machen es zu „Billigfleisch“. Die Industrialisierung der Fleischproduktion hat viele negative Begleiterscheinungen. Neben den Lebensmittelskandalen ist das auch die Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen. Die intensive Tierhaltung ist zudem einer der Hauptverursacher der großen Umweltprobleme. Viele Menschen sind deswegen der Meinung, dass die industrielle Erzeugung von Fleisch in der jetzigen Form nicht mehr zu rechtfertigen ist. Vegetarische Ernährungsformen verbreiten sich. Der Vegetarismus ist aber keine Erfindung der Moderne. Seine Wurzeln reichen mehr als 2.500 Jahre zurück.

Gesellschaftliche Kontroverse

darfs-ein-bisschen-mehr-seinEin Jahrzehnt nach unserer Ausstellung Hier geht´s um die Wurst zur Fleischwarenherstellung in Gütersloh führte die Wanderausstellung „Darf‘s ein bisschen mehr sein?“ ihre Besucher mitten in diese gesellschaftliche Kontroverse um den Fleischkonsum. Sie wagte sich mitten in das verminte Feld der ethischen Auseinandersetzung um Zucht, Haltung, Schlachtung und Konsum von Tieren. Sie versuchte nicht, dem Thema seine Sprengkraft durch den Rückzug in Historie und Volkskunde zu nehmen. Das Thema Fleischkonsum polarisiert, es fordert zu Wertung und Widerspruch heraus. Niemand in unserer stark fragmentierten Gesellschaft kann sich dem Topthema der Ernährung entziehen, jeder muss Position beziehen, denn jeden Tag müssen wir immer wieder neu entscheiden, was wir essen und welchen Preis wir dafür zahlen wollen – im engen wie im übertragenen Sinn.

Die Ausstellung wollte ein Bewusstsein für ein „Schlüsselproblem“ unserer Gegenwart vermitteln. Sie wollte informieren, ohne den mahnenden Zeigefinger zu heben, und auf die Eigenverantwortlichkeit jedes einzelnen verweisen. Sie bot facettenreiche Zugänge zum Thema und öffnete in einer Mischung aus geschichtlichen und aktuellen Bezügen neue persönliche Horizonte und stimulierte den gesellschaftlichen Diskurs.

2.682 Besucher sahen die Ausstellung in unseren Räumen.

Die Glocke stellte passenderweise fest: >Im Stadtmuseum geht´s um die Wurst und mehr. Die Neue Westfälische wählte für ihre Print-Ausgabe die Überschrift >Von Wurst und Vegetariern.

Ausstellungseröffnung

Am 3. April 2016 fand die Eröffnung der Sonderausstellung statt, zu der zahlreiche Gäste erschienen waren. In drei Vorträgen konnten sie Näheres über den Inhalt der Ausstellung, aber auch über ihr Zustandekommen und ihren Weg ins Stadtmuseum Gütersloh erfahren.

Freuen sich über eine gelungene Eröffnung: Daniel Mooz (Ausstellungsassistenz), Verena Burhenne (Kuratorin); Dr. Ulrike Gilhaus (Leiterin LWL-Museumsamt für Westfalen) und Dr. Rolf Westheider

Freuten sich über eine gelungene Eröffnung: (v.li.) Daniel Mooz (Ausstellungsassistenz), Verena Burhenne (Kuratorin), Dr. Ulrike Gilhaus (Leiterin LWL-Museumsamt für Westfalen) und Dr. Rolf Westheider (Leiter Stadtmuseum Gütersloh). Foto: Stadtmuseum Gütersloh

Katalog

Zur Ausstellung ist ein reichbebilderter Katalog mit wissenschaftlichen Beiträgen von insgesamt 208 Seiten Umfang erschienen. Er ist für 16 Euro in unserem Museumsshop zu erwerben.

Für Blinde und Schwersehende

Die Ausstellung ist für blinde und schwersehende Menschen zugänglich. Es gibt ein Bodenleitsystem, einen tastbaren Grundriss als Orientierungshilfe, einen Audio-Guide sowie Erklärungen in Blindenschrift.

Führungen für Schulklassen

Angeboten werden Führungen für Schulklassen der Primar- und Sekundarstufe I. Anmeldungen unter Tel. 05241 26685 oder info@stadtmuseum-guetersloh.de.

Vom 3. April bis zum 29. Mai 2016

Foto-Galerie mit 20 Fotos: