Peter August Böckstiegels „Familienbild“. Vom Suchen, Finden und vom Restaurieren

Erstmals seit 1928 wurde Peter August Böckstiegels „Familienbild“ wieder ausgestellt – im Stadtmuseum Gütersloh. Im Mittelpunkt der Ausstellung stand nicht nur die Kunst selbst. Die Exponate gaben Einblicke in die wenig bekannte und im Aufwand stets unterschätzte Arbeit von Kunst-Restauratoren.

Im Wandschrank wiederentdeckt

Das 1924 entstandene Gemälde „Familienbild“ wurde im Sommer 2012 von David Riedel, dem künstlerischen Leiter des Böckstiegel-Hauses in Werther, dort auf dem Boden eines Wandschranks wiederentdeckt. Lange galt es als verschollen und war nur durch Fotografien bekannt. Seine Rückseite verbarg sogar eine völlig unbekannte Darstellung zweier weiblicher Akte, die zehn Jahre zuvor, während Böckstiegels Studienzeit in Dresden entstanden waren. Nachdem das „Familienbild“ in den 1920er Jahren auf mehreren Ausstellungen Böckstiegels gezeigt worden war, scheint es ab 1928 im Besitz der Familie verblieben zu sein. Im Werkverzeichnis des Künstlers von 1997 ist es als „verschollen“ bezeichnet. Wieso es über mehrere Jahrzehnte in einem Schrank gelagert und dort vergessen wurde, ist unbekannt.

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Aufwändige Restaurierung

Die Leinwand war durch die lange Lagerung, zusammengefaltet und verschnürt, stark beschädigt und wurde in anderthalbjähriger Arbeit durch die Restauratorin Ilka Meyer-Stork aus Bergisch-Gladbach aufwändig konserviert und restauriert. Nach Ende dieser Arbeiten wurde das Bild gerahmt und verglast, um eine museale, beidseitige Präsentation zu ermöglichen. Nun wird es bei uns zum ersten Mal seit über 80 Jahren öffentlich ausgestellt.

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„Ein sehr schönes Bild“

Die Ausstellung stellte das Gemälde in den Kontext von Böckstiegels Schaffens und warf mithilfe anderer seiner Werke einen Blick auf ein Hauptmotiv des ostwestfälischen Expressionisten: seine Familie. Immer wieder tauchen seine Frau Hanna, die Tochter Sonja sowie seine Eltern und Geschwister in seinen Gemälden, Aquarellen und Grafiken auf. Böckstiegel war sich der Bedeutung dieser Menschen und damit dieses großformatigen Bildes bewusst: „Das große Familienbild, Eltern, es hängt in meiner Werkstube. Dieses ist ein sehr schönes Bild und soll unser Sonja gehören, sie ist als kleines Wesen mit dabei.“ (aus einem Brief Peter August Böcktiegels an seine Frau Hanna vom 31. Oktober 1928)

Kaum bemerkte Arbeit

Die kaum bemerkte und meist unbekannte Arbeit einer Restauratorin wurde am Beispiel des „Familienbilds“ vorgestellt. Von millimetergroßen Farbsplittern über Mini-Bügeleisen aus dem Werkzeugkoffer bis hin zum fertig restaurierten Bild konnte man einem verantwortungsvollen Beruf nachspüren und einen intensiven Blick auf diese spannende Arbeit werfen. Was geschieht während der vielen Monate im Atelier einer Restauratorin? Welche Werkzeuge und Arbeitsschritte sind nötig, um aus einem „ruinösen Zustand“ ein präsentables Gemälde des Künstlers zu machen? Inwieweit ist das „Familienbild“ nach seiner Restaurierung noch ein originales Werk Böckstiegels?

restaurieren

Kunsthistoriker Prof. Dr. Erich Franz aus dem Vorstand der Peter-August-Böckstiegel-Stiftung: „Mit leuchtenden und flackernden Farben, die der Maler meist mit dem Spachtel ungemischt und millimeterdick aufgetragen hat, zieht das Gemälde den Betrachter unmittelbar in seinen Bann, ja, es bedrängt ihn geradezu mit seiner Farbintensität, die durch keine Reproduktion auch nur annähernd wiederzugeben ist.“

Mit den Augen einer Künstlerin

Museumsleiter Dr. Rolf Westheider freute sich: „Die Ausstellung dokumentiert anhand der Vorder- und Rückseite der Leinwand die Abläufe der Restaurierung, erklärt die Arbeit der Restauratorin, eines eher im Verborgenen und oftmals diskret arbeitenden Berufsstandes.“ Neben der Präsentation von Arbeitsmitteln und Werkzeugen kamen dazu ausführliche Informationstafeln und eine fotografische Dokumentation zum Einsatz. Parallel zur Arbeit der Restauratorin begleitete auch die Bielefelder Künstlerin Marion Denis das Restaurierungs-Projekt und dokumentierte die oftmals langwierige, in kleinen Maßstäben und mit höchster Konzentration vorangehende Arbeit fotografisch. Diese Fotografien wurden zum ersten Mal bei uns ausgestellt und beobachteten das Werk Böckstiegels und die Arbeit der Restauratorin mit den Augen einer Künstlerin.

Eine Ausstellung  in Zusammenarbeit mit der Peter-August-Böckstiegel-Stiftung, ermöglicht durch die Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Mehr Informationen im Westfalen-Blatt-Artikel Geschundenes Bild gerettet und in einem Beitrag auf der Webseite des Verbands der Restauratoren. Die Neue Westfälische berichtet über die Ausstellung unter dem Titel Vom Wandschrank ins Museum.

Vom 10. Mai bis zum 5. Juli 2015


Filmbeitrag des Stadtmagazins Carl zur Ausstellung:

 

Fotogalerie mit 6 Bildern:





P. A. Böckstiegel: Die Gemälde 1910-1951
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